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Warum fühlen sich so viele Menschen vom Klang eines Röhrenverstärkers angezogen?
Nun, jeder mag seine eigenen Gründe haben. Ich kann nur sagen, was mich, obwohl ich, wie schon eingangs erwähnt, mir durchaus bewusst bin, dass aus Sicht des Ingenieurs und Technikers es nicht einfach ist, Argumente für einen Röhrenverstärker zu finden, dazu veranlasst hat, mich der Konstruktion eines Röhrenverstärkers zuzuwenden. Bei mir war es so, dass ich die Musik meines alten Tonarchivs wieder so erleben wollte, wie ich es gewöhnt war. Irgend etwas hat mir immer gefehlt. Man muss sich vor Augen halten, dass Schallplattenaufnahmen früher ja ausschließlich mit Hilfe von Röhrentechnik entstanden sind und es wird niemand behaupten können, dass, bevor man anfing, alles auf Einheitspegel zu komprimieren, schlechte Tonaufnahmen gemacht wurden. Im Gegenteil; was da in der Hochzeit der analogen Technik an tonalen Feinheiten in Rillen gepresst wurde, habe ich bei keiner digitalen Aufnahme wieder erlebt. Man denke nur an das "White Album" der Beatles, das auch heute noch zu den Leckerbissen liebevoller und aufwändiger Studiotechnik gezählt werden darf.
Ein Verstärker hat prinzipiell die Aufgabe, die schwachen Audio Signale eines Plattenspielers, CD Players oder einer anderen Audio Signalquelle so zu verstärken, dass genügend Leistung erzeugt wird, um einen Lautsprecher anzusteuern, der dann seinerseits die elektrische Energie in mechanische Energie umwandelt, mit der dann die Schallwellen, also die von unserem Ohr wahrnehmbaren Töne, erzeugt werden. Der Techniker spricht hier von einem sogenannten Vierpol und erwartet nicht mehr und nicht weniger, als dass das verstärkt hinten herauskommt, was man vorne hineinschickt. Gleich vorneweg: Solch einen idealen Vierpol gibt es nicht! Jeder Verstärker belegt das zu verstärkende Signal mit mehr oder weniger Fehlern und je geringer diese Fehler, um so besser ist im allgemeinen der Verstärker. Solche Fehler werden im Übrigen in der ganzen Signalkette erzeugt, vom Tonabnehmer über den CD Player bis zum Lautsprecher. Allerdings sind bei guten Komponenten diese Fehler so gering, dass man sie mit dem Ohr nicht mehr wahrnehmen kann, oder sie sind in ihrer Natur so, dass sie sogar als angenehm empfunden werden.
Womit wir schon beim Röhrenverstärker wären:
Jeder noch so gute Verstärker produziert Unlinearitäten, sowohl über die Zeit, als auch über die Frequenz. Unlinearität über die Frequenz bedeutet, dass der Verstärker nicht alle Frequenzen gleich gut verstärkt, sondern über das Frequenzband gesehen einige bevorzugt und andere etwas stiefmütterlich behandelt. Diese Art von Unlinearität ist im allgemeinen kein Thema. Unlinearitäten über die Zeit sind schon etwas dramatischer; sie äußern sich, wenn die Unlinearität zu stark ist, im unangenehmen Klirrfaktor. Schickt man eine diskrete Frequenz mit einer idealen Sinuskurve in einen Verstärker, so werden im Verstärker noch zusätzliche, im Originalsignal nicht enthaltene Frequenzen erzeugt, sogenannte harmonische oder Obertöne. Diese Obertöne mischen sich mit dem Originalsinussignal und verursachen eine Abweichung von der idealen Sinuskurve. Solche Obertöne entstehen als geradzahlige Vielfache und als ungeradzahlige Vielfache der Grundschwingung. Sie äußern sich als sogenannter Klirrfaktor. Nur der Tatsache, dass wir diesen Klirrfaktor erst hören, wenn er wirklich schon ziemlich hoch ist, ist es zu verdanken, dass wir auch mit einfachen Verstärkern schon ganz gut hören können. Klirrfaktoren bis 10% waren in der Vergangenheit bei einfachen Alltagsradios und Phonogeräten durchaus normal. Es ist jetzt aber so, dass hauptsächlich die ungeradzahligen Obertöne für den unangenehmen Charakter des Klirrfaktors verantwortlich sind. Transistorverstärker produzieren besonders diese Art von Obertönen, allerdings erst, wenn sie übersteuert werden. Deswegen darf man einen Transistorverstärker auf keinen Fall übersteuern. Anders beim Röhrenverstärker. Sein Klirrfaktor ist generell etwas höher, aber er produziert in erster Linie Obertöne, die geradzahlige Vielfache der Grundschwingung sind und das empfindet das Ohr als warmen und vollen Klang. Deswegen empfindet man den Klang eines guten Röhrenverstärkers als warm und samtig, im Gegensatz zum Transistorverstärker, dessen Klang häufig als steril und kalt empfunden wird. Und entscheidend ist doch letztlich das, was dem Einzelnen besser gefällt. Also hat jeder Recht: Der Messfetischist, der sich an jeder, wenn auch nicht mehr wahrnehmbaren Verbesserung der Messdaten ergötzt und erlebt was er glaubt, und der Sinnliche, der glaubt was er erlebt.
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